Stillhütchen - Einsatz, Risiken und Alternativen aus IBCLC-Sicht
- Nadine Wiedmann

- vor 4 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen


Was sind Stillhütchen?
Stillhütchen sind dünne Aufsätze – meist aus Silikon – die über Brustwarze und Warzenhof gelegt werden. Sie sollen dem Baby das Saugen erleichtern oder Schmerzen der stillenden Person reduzieren. In der Praxis werden sie häufig früh im Stillstart eingesetzt, oft ohne ausreichende Ursachenanalyse.
Wichtig: Stillhütchen verändern die Art, wie ein Baby an der Brust trinkt.
Wann können Stillhütchen aus IBCLC-Sicht sinnvoll sein?
Aus Sicht einer IBCLC (International Board Certified Lactation Consultant) kommen Stillhütchen nur bei klarer Indikation und zeitlich begrenzt infrage,
zum Beispiel:
bei sehr frühgeborenen Babys mit unreifem Saugmuster
bei bestimmten neurologischen oder oralen Auffälligkeiten des Babys
kurzfristig bei stark schmerzhaften Brustwarzen, wenn sonst kein Stillen möglich ist
als Übergangslösung nach einem sehr schwierigen Stillstart
Voraussetzung ist immer eine enge fachliche Begleitung, inklusive Beobachtung von Gewichtsentwicklung und Milchtransfer.
Häufige Gründe, warum Stillhütchen empfohlen werden
In der Praxis werden Stillhütchen häufig eingesetzt bei:
vermeintlich flachen oder kleinen Brustwarzen, wenn andere vorbereitende Maßnahem nicht helfen
wunden oder schmerzhaften Mamillen (Brustwarzen)
Anlegeproblemen
Frühgeborene, die wegen fehlender Wangenfettpolster noch nicht in der Lage sind die Brust gut zu fassen und den Sog zu halten
bei Überaktiven Milchspendereflex
Babys mit einem schwachen Tonus und andauernd an der Brust einschlafen
Babys die Mund nicht weit genug öffnen
anatomischen Einschränkungen wie hoher Gaumen & Spalten
Aus IBCLC-Sicht gilt jedoch:
Diese Gründe sind häufig Symptome, nicht die eigentliche Ursache.
Ohne Ursachenarbeit besteht die Gefahr, dass sich Stillprobleme verfestigen.
Was ist aus IBCLC-Sicht problematisch an Stillhütchen?
Stillhütchen sind nicht per se schädlich – sie bergen jedoch relevante Risiken:
Reduzierter Milchtransfer durch veränderte Saugtechnik
Geringere Bruststimulation, was die Milchbildung beeinträchtigen kann
Risiko einer schleichenden Abnahme der Milchmenge
Erschwertes Abgewöhnen
Stillprobleme werden teilweise verdeckt statt gelöst
es ist ein passives einsaugen, es ist nicht dehnbar wie eine Mamille
unflexibel und festes Material
wird nicht aktiv aufgenommen wie eine Mamille sonder passiv eingezogen beim stillen.
Auswirkungen auf das Baby: Lernen vs. Reflex

Ein zentraler Punkt aus IBCLC-Sicht:
Stillhütchen können den Saugreflex automatisch auslösen. Das Baby muss dadurch oft weniger aktiv andocken.
Stillen ist jedoch ein erlernter, aktiver Prozess.
Babys dürfen:
das selbstständige Andocken lernen
Mund, Zunge und Kiefer koordiniert einsetzen
die Brust aktiv erfassen und halten
Verformung des Gaumenbogens möglich
Saugschluss halten ohne Hütchen kann für dein Baby schwer sein
Wird dieser Lernprozess umgangen, kann es später zu Schwierigkeiten beim Stillen ohne Hilfsmittel kommen.
Stillhütchen bei wunden Brustwarzen
Wunde Brustwarzen entstehen in den meisten Fällen durch:
suboptimales Anlegen
ungünstige Stillpositionen
eingeschränkte orale Beweglichkeit des Babys
Ein Stillhütchen kann Schmerzen kurzfristig lindern, behebt jedoch nicht die Ursache. Ohne Ursachenarbeit bleiben Beschwerden häufig bestehen oder kehren zurück.
Stillhütchen im Stillstart: besonders sensibel

Die ersten Lebenstage sind entscheidend für:
die Etablierung der Milchbildung
das Erlernen des effektiven Stillens
die Stillbeziehung zwischen Mutter und Baby
Ein früher Einsatz von Stillhütchen sollte daher besonders sorgfältig abgewogen werden.
Wichtige Voraussetzungen, wenn Stillhütchen eingesetzt werden
Voraussetzung an das Stillhütchen und wenn es genutzt wird, empfiehlt sich aus IBCLC-Sicht:
korrekte Größe und Passform
dünnes Silikon anstatt Latex
regelmäßige Kontrolle von Gewicht und Ausscheidungen des Babys
Beobachtung der Milchmenge
viel Körperkontakt um den Milchspendereflex zu unterstützen
große Stillhütchen ermöglichen weitere Mundöffnung, kleiner Stillhütchen ermöglichen besseren Saugschluss
kleine Löcher am Stillhütchen
Symmetrisches Mundstück beim Stillhütchen
ein klarer Plan zur schrittweisen Abgewöhnung
fachliche Begleitung durch eine IBCLC oder stillkundige Fachperson
frühmöglich abgewöhnen
EISEL-Empfehlung:
Es wird empfohlen um die Milchbildung abzusichern, 1-2x täglich zusätzlich zu Pumpen oder Muttermilch von Hand zu gewinnen bis das Baby gut zunimmt.
Falls das Baby nicht effektiv saugt, zu schwach saugt, wenig Muttermilch schluckt, wenig Ausscheidungen hat, soll die Pumpfrequenz erhöht werden.
Engmaschige Gewichtskontrollen bis die Etablierung der Milchmenge gegeben ist wird zusätzlich empfohlen.
Richtige Anwendung von Stillhütchen: Ausmessen & Aufsetzen

Damit ein Stillhütchen – wenn es eingesetzt wird – möglichst stillfreundlich wirkt, sind korrekte Größe und Anwendung entscheidend.
Eine falsche Passform oder ein ungünstiges Aufsetzen können Stillprobleme verstärken.
Stillhütchen richtig ausmessen
Aus IBCLC-Sicht richtet sich die Größe nicht nach dem Warzenhof, sondern nach dem Durchmesser der Brustwarze:
Messen Sie den Durchmesser der Brustwarze an der Basis, ohne Warzenhof
Ideal ist das Messen nach dem Stillen oder Pumpen, wenn die Brustwarze aufgerichtet ist
Das Stillhütchen sollte die Brustwarze locker umschließen und nicht einengen
Je nach Hersteller kann ein kleiner Spielraum (ca. 1–2 mm) sinnvoll sein
Eine unpassende Größe kann Schmerzen verursachen, den Milchfluss behindern und den Milchtransfer reduzieren.

Stillhütchen korrekt aufsetzen
Vor dem Stillen empfiehlt sich eine ruhige Vorbereitung:
Hände waschen
Brustmassage, idealerweise Milchspendereflex auslösen
Stillhütchen ggf. leicht anfeuchten
Brustwarze zentriert halten
Hütchen so aufsetzen, dass die Nase deines Babys an der offenen Siete liegt um Hautkontakt zu ermöglichen.
Zum Aufsetzen hat sich folgende Technik bewährt:
Das Stillhütchen zunächst nach außen umstülpen
Mittig auf die Brustwarze platzieren
Anschließend sanft zurückrollen
Die Brustwarze sollte tief im Stillhütchen liegen, nicht nur an der Spitze
Das Hütchen durch eine Brustkompression mit Muttermilch füllen.

Ziel ist, dass das Baby möglichst viel Brustgewebe mit erfasst und nicht ausschließlich am Stillhütchen saugt. Abwarten bis dein Baby seinen Mund öffnet. Asymetrisches anlegen empfohlen. Das non-nutritrives Saugen mit Hütchen schwer möglich.
Daher dein Baby beim Stillen mit einer Brustkompression unterstützen um den Milchspendereflex auszulösen.
Welche Alternativen gibt es zu Stillhütchen?
Je nach Situation können sinnvoller sein:
Optimierung von Stillposition und Anlegetechnik
Haut-zu-Haut-Kontakt
Anleitung zum aktiven Andocken
Stillfreundliches Zufüttern mit Kolostrum
Unterstützung bei oralen Auffälligkeiten des Babys
Diese Maßnahmen fördern langfristig ein selbstständiges und effektives Stillen.
Reinigen des Stillhütchen im häuslichen Bereich
Vor dem ersten Gebrauch und einmal täglich das Stillhütchen mit Seifenwasser / Spülmittel reinigen und mit klarem Wasser abspülen.
es wird empfohlen die Stillhütchen nach jedem Gebrauch mit heißem Wasser reinigen und trocken lagern.
Die Hersteller empfehlen neben der gründlichen Reinigung eine tägliche Desinfektion / Sterilisation (Im Wasserbad auskochen oder Vaporisieren.)
Eine Sterilisation des Stillhütchens wird in der Literatur im häuslichen Umfeld nicht angegeben (Core Curriculum LEAARC, 2024:535; Walker 2023:231)
Abgewöhnen eines Stillhütchens – Geduld, Lernen und Wiederholung
Das Abgewöhnen eines Stillhütchens kann Zeit brauchen. Aus IBCLC-Sicht ist das völlig normal. Manche Babys hatten bisher keine Gelegenheit zu lernen,
die Mamille weit genug in den Mund aufzunehmen, um den Saugreflex selbst auszulösen
den nötigen Unterdruck (Sog) beim Stillen aktiv aufrechtzuerhalten
Stillen ist ein erlernter sensomotorischer Prozess. Wenn dieser zunächst über ein Stillhütchen unterstützt wurde, braucht es beim Abgewöhnen Geduld, Übungseinheiten und positive Erfahrungen – für dich und dein Baby.
Stillhütchen sanft abgewöhnen – bewährte Möglichkeiten aus IBCLC-Sicht

Nicht jede Methode passt zu jedem Baby. Oft ist eine Kombination hilfreich:
Dem Baby immer wieder die Gelegenheit geben, die Brust zu riechen, zu lecken oder zu schmecken, ganz ohne Erwartung zu stillen
Frühe Stillzeichen abpassen (wach, aufmerksam, suchend) um das Anlegen ohne Stillhütchen zu probieren
Auf eine gute Anlegetechnik achten, ggf. die Brust formen oder unterstützen
Zunächst mit Stillhütchen anlegen und bei gutem Milchfluss das Hütchen entfernen und erneut anlegen
Stillen im Haut-zu-Haut-Kontakt, intuitives Stillen bevorzugen
beim nächtlichen Stillen ausprobieren
Intuitives Stillen, stillen im Hautkontakt, stillen beim Baden (Lauwers & Swisher, 2022, S. 530)
Weitere unterstützende Ansätze
Aus IBCLC-Sicht können zusätzlich hilfreich sein:
Stillpositionen variieren, um dem Baby neue sensorische Reize zu ermöglichen
Kurze, druckfreie Übungseinheiten statt langer Stillversuche
Vor dem Anlegen den Milchfluss anregen (z. B. durch eine sanfte Brustmassage)
Auf Stresssignale beim Baby achten und Pausen zulassen
Begleitende Abklärung bei anhaltenden Schwierigkeiten (z. B. orale Restriktionen) Abklärung bei Logopäden mit Zusatzausbildung IBCLC und Therapeutischen Ansätzen wie Castillo Morales, Bobath Methode
Wichtiger Hinweis
Das Abgewöhnen eines Stillhütchens ist meist kein linearer Prozess. Rückschritte sind normal und kein Zeichen von Versagen. Entscheidend ist, dass das Baby weiterhin gut versorgt ist, zunimmt und die Stillbeziehung geschützt bleibt.
Fazit: Stillhütchen bewusst und begleitet einsetzen
Stillhütchen sind kein Standard-Hilfsmittel. Sie können in bestimmten Situationen überbrücken, sollten aber immer:
bewusst
zeitlich begrenzt
fachlich begleitet
verwendet werden.
Das Ziel bleibt aus IBCLC-Sicht immer:
Ein effektives, selbstständiges Stillen ohne Hilfsmittel.
Häufige Fragen (FAQ)
Sind Stillhütchen schlecht?
Nein. Sie sind jedoch nicht neutral und sollten nicht ohne Indikation eingesetzt werden.
Kann mein Baby abhängig vom Stillhütchen werden?
Ja, insbesondere wenn es früh und ohne Begleitung eingesetzt wird.
Wann sollte ich mir Hilfe holen?
Wenn Stillhütchen empfohlen wurden oder bereits im Einsatz sind, lohnt sich frühzeitig eine Stillberatung durch eine IBCLC.
Unterstützung & Stillberatung
Du hast Fragen zum Stillen oder zum Einsatz von Stillhütchen?
Eine individuelle Stillberatung kann helfen, Ursachen zu erkennen und passende Lösungen zu finden.
Kontaktiere uns gern für eine bindungsorientierte, evidenzbasierte Stillbegleitung oder schaue bei dir vor Ort nach einer IBCLC oder Stillberaterin.




Danke für diesen wundervollen Artikel. Man spürt in jeder Zeile viel Fachwissen, Erfahrung und Herz. Sehr wertvoll finde ich, dass Stillhütchen weder verteufelt noch leichtfertig empfohlen werden, sondern der Blick liebevoll auf Ursachen, die Lernprozesse des Babys und die Stillbeziehung gerichtet bleibt. Auch die Bilder sind sehr schön – ruhig, achtsam und fein gewählt. Sie tragen die Haltung des Textes mit und machen ihn für mich rund und vollständig.
Sehr hilfreicher und übersichtlicher Artikel!
Super Artikel. habe gerade als erstes den Soor Artikel gelesen, aber hab direkt weitergeschaut. Mega die Bilder und alles verständlich erklärt. Super.
Danke für diese Impulse, mega unterstützend, wooow - ich freue mich schon so sehr auf mehr. Die Illustrationen sind so schön.
Mega guter Artikel! Super verständlich, ehrlich und mit richtig viel Fachwissen geschrieben.