Soor in der Stillzeit an der Mamille – Ursachen, Symptome & Differentialdiagnose. Hilfe aus IBCLC Sicht
- Nadine Wiedmann

- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen

Brennende Schmerzen beim Stillen, rote glänzende Brustwarzen und das Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“? Viele stillende Mütter erleben genau das – oft steckt ein Soor an der Mamille (Candidose der Brustwarze) dahinter oder auch ein Exzem.
In diesem Artikel erkläre ich dir aus Sicht einer IBCLC (International Board Certified Lactation Consultant), wie du Soor erkennst, was wirklich hilft und wann auch andere Ursachen infrage kommen.
Was ist ein Soor an der Mamille?
Soor an der Mamille ist eine oberflächliche Pilzinfektion, meist verursacht durch Candida albicans. Dieser Hefepilz gehört zur normalen Haut- und Schleimhautflora, kann sich aber unter bestimmten Bedingungen stark vermehren.
Typische Symptome bei Mamillensoor

Aus meiner Beratungspraxis als IBCLC berichten Mütter häufig über:
Mamillen und Areola perlmuntartig glänzend, rosa- pinkfarben, schuppig, rissig mit kleinen Bläschen oder weißen Belegen
Pigmentierung der Areola geht zurück, sie sieht eher Pinkfarbend aus
Brennende, stechende oder schneidende Schmerzen beim und nach dem Stillen
Schmerzen, die auch zwischen den Stillmahlzeiten bestehen
Überempfindliche Mamillen, selbst bei leichter Berührung
Glänzend-rote oder rosafarbene Brustwarzen
Juckreiz oder Kribbeln der Mamille
Keine oder nur minimale Verbesserung trotz guter Anlegetechnik
Wichtig: Soorschmerzen beginnen oft plötzlich, nachdem das Stillen zuvor schmerzfrei war.
Treten nicht mehrere typische Symptome gemeinsam auf, sollten auch andere Ursachen für Mamillenbeschwerden in Betracht gezogen werden und eine Differenzialdiagnose gestellt werden.
Mögliche zusätzliche Symptome beim Kind

Mögliche Anzeichen beim Baby:
Weißliche Beläge an der Wangenschleimhaut, die sich nicht abwischen lassen
Weiß-grauer, fest haftender Belag auf der Zunge
Unruhiges oder verkürztes Trinken aufgrund möglicher Schmerzen
Hartnäckiger Windelausschlag mit:
stark geröteter, wunder Haut im Gesäßbereich
kleinen Pickelchen, nässenden Stellen oder feinen Blutungen
fehlender Besserung trotz üblicher Pflege
Wichtig: Nicht jedes Symptom muss vorhanden sein. Erst das gleichzeitige Auftreten mehrerer Anzeichen kann den Verdacht auf Soor erhärten und sollte fachlich abgeklärt werden.
Warum entsteht Soor an der Mamille?

Häufige begünstigende Faktoren sind:
Antibiotika-Einnahme (bei Mutter oder Kind)
Feuchtigkeit an der Brustwarze (Stilleinlagen, okklusive Salben)
Kleine Hautverletzungen
Geschwächtes Immunsystem
Vorangegangene Scheidenpilzinfektionen
Verwendung von Stillhütchen
Wie wird Soor an der Mamille diagnostiziert?
Als IBCLC stelle ich keine medizinische Diagnose, aber ich erkenne typische Muster.
Hilfreiche Fragen in der Stillberatung sind:
Seit wann bestehen die Schmerzen?
Wie würden Sie den Schmerz beschreiben (brennend, stechend)?
Sind die Schmerzen auch zwischen den Stillmahlzeiten da?
Gab es kürzlich Antibiotika?
Hat das Baby weiße Beläge im Mund oder einen hartnäckigen Windelausschlag?
Bei unklaren Verläufen empfehle ich immer eine ärztliche Abklärung.

Differentialdiagnose können sein:
Subakute Mastitis
Exanthem
Dysbiose in der Brustdrüse
Wunde Brustwarzen (Mamillen)
Behandlung von Soor an der Mamille
Wichtigster Grundsatz: Mutter UND Kind MÜSSEN nicht mehr gleichzeitig behandelt werden. Es kommt daruf an wer Symptome aufweist.
Neuere Erkenntnisse zeigen, dass Soor beim Stillen – anders als früher vermutet – nicht zwangsläufig Mutter und Baby gleichzeitig betrifft, auch wenn beim Kind nicht immer Symptome sichtbar sind. Aktuelle Empfehlungen sprechen dafür, primär nur die tatsächlich betroffene Person zu behandeln.

Vorgehen – also automatisch Mutter UND Baby zu behandeln – nicht in jedem Fall zwingend notwendig, sondern der klinische Kontext zählt:
eindeutig belegter oraler Soor beim Baby → Behandlung beider
nur unspezifische Schmerzen bei der Mutter → zielgerichtete Abklärung und individualisierte Therapie
supportive Maßnahmen (Hygiene, Anlegetechnik, Feuchtigkeitsmanagement) bleiben zentral

Übliche therapeutische Maßnahmen
Für die Mutter (ärztlich verordnet):
Antimykotische Cremes (z. B. Nystatin, Clotrimazol)
Anwendung nach dem Stillen
Für das Baby:
Antimykotische Mundgele und oder eine Antimykotische Creme für den Po
Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Behandlung von Soor an der Mamille
Die wissenschaftliche Debatte um Candidiasis der Mamille beim Stillen ist komplex.
Während bislang oft empfohlen wurde, Mutter und Baby gleichzeitig zu behandeln, zeigen neuere Untersuchungen, dass die Verbindung zwischen Candida-Nachweis und den klinischen Symptomen nicht immer eindeutig ist. In einer systematischen Übersichtsarbeit wurde festgestellt, dass Candida-Arten häufig in der normalen Brust- und Milchmikrobiota vorkommen und nicht zwingend die Schmerzen verursachen, die klassisch mit „Soor“ assoziiert werden.
Zudem gibt es keine belastbaren Belege, dass längere oder tiefgreifende Antimykotika-Behandlungen bei allen stillenden Müttern wirksamer sind als das natürliche Abklingen der Beschwerden oder andere supportive Maßnahmen.
Gleichzeitig betonen klinische Leitlinien, dass bei eindeutigem Verdacht auf Candidainfektionen meistens topische Antimykotika wie Miconazol oder Clotrimazol nach dem Stillen angewendet werden und eine gleichzeitige Behandlung des Säuglings bei belegtem oralen Soor empfohlen wird, um Reinfektionen zu vermeiden.
Begleitende Maßnahmen aus IBCLC-Sicht
In der Stillberatung empfehle ich zusätzlich:
Brustwarzen nach dem Stillen lufttrocknen lassen
Häufiger Wechsel von Stilleinlagen
BHs, Handtücher und Waschlappen bei mindestens 60 °C waschen
Schnuller und Flaschensauger täglich auskochen
Verzicht auf zuckerhaltige Produkte, Weißmehl Verzicht
Zuckerfreie Pflegeprodukten
Stress reduzieren, da es das Immunsystem schwächt
Diese Maßnahmen unterstützen die Therapie und helfen Rückfällen vorzubeugen.
Ist es wirklich Soor – oder doch ein Ekzem?
Nicht jede rote, schmerzende Brustwarze (Mamille) ist ein Pilz.
Hinweise auf ein Mamillenekzem:

Starker Juckreiz statt Brennschmerz
Schuppige, trockene oder nässende Haut
Krusten oder Bläschen
Tragen von Baumwollkleidung zeigt Besserung
keine stechende Schmerzen nach dem Trinken
Exanthem ist an beiden Brüsten
Zusammenhang mit neuen Pflegeprodukten, Waschmitteln oder Stilleinlagen
Ein Ekzem verschlechtert sich häufig unter Antipilzmitteln und bessert sich erst nach Weglassen der Auslöser und ggf. kortisonhaltiger Therapie (ärztlich begleitet).
Stillen trotz Soor – ist das möglich?

Ja. Stillen ist in der Regel weiterhin möglich und sinnvoll. Muttermilch bleibt wertvoll, und ein Abstillen ist medizinisch nicht notwendig. Muttermilch wirkt fungizig. Hat also die Eigenschaft gegen Pilze zu wirken.
Mit der richtigen Unterstützung, Behandlung und Begleitung lassen sich die Beschwerden gut in den Griff bekommen.
Wann solltest du dir Hilfe holen?
Wenn sich die Symptome trotz Behandlung nicht bessern
Wenn du unsicher bist, ob es Soor oder ein Ekzem ist
Eine IBCLC-Stillberatung kann helfen, die Ursache einzugrenzen und dich individuell zu begleiten.
Fazit aus IBCLC-Sicht
Soor an der Mamille ist schmerzhaft, aber gut behandelbar. Entscheidend sind:
Frühes Erkennen
Behandlung der betroffenen Personen
Gute Stillbegleitung
Abgrenzung zu Ekzemen oder anderen Ursachen
Du musst da nicht alleine durch
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung, sondern dient der Information und Unterstützung aus stillberaterischer Sicht (IBCLC).
Häufige Fragen (FAQ) zu Soor beim Baby:
Woran erkenne ich Soor im Mund meines Babys?
Typisch sind weißliche Beläge an der Innenseite der Wangen oder auf der Zunge, die sich im Gegensatz zu Milchresten nicht oder nur schwer abwischen lassen. Die Schleimhaut darunter kann gerötet und empfindlich sein.
Kann Soor beim Baby Schmerzen verursachen?
Ja. Einige Babys trinken unruhig, lassen die Brust häufiger los oder verkürzen die Stillmahlzeiten, da das Saugen schmerzhaft sein kann.
Wie sieht ein Windelausschlag bei Soor aus?
Ein Soor-bedingter Windelausschlag zeigt sich häufig als stark gerötete, wunde Haut im Gesäßbereich, oft mit kleinen Pickelchen, nässenden Stellen oder feinen Blutungen. Charakteristisch ist, dass sich die Haut trotz üblicher Pflege nur langsam oder gar nicht bessert.
Muss mein Baby Symptome zeigen, wenn ich Soor an der Mamille habe?
Nein. Nicht jedes Baby zeigt sichtbare Anzeichen, auch wenn bei der Mutter Beschwerden bestehen. Umgekehrt können Symptome beim Baby auftreten, ohne dass die Mutter starke Schmerzen hat.
Wann sollte ich Soor fachlich abklären lassen?
Eine Abklärung ist sinnvoll, wenn mehrere der genannten Symptome gleichzeitig auftreten, sich Beschwerden nicht bessern oder das Stillen zunehmend schmerzhaft wird.
Eine Stillberatung (IBCLC) oder ärztliche Begleitung kann helfen, die Ursache einzugrenzen.
Können die Symptome auch andere Ursachen haben?
Ja. Ähnliche Anzeichen können auch durch Ekzeme, bakterielle Infektionen, mechanische Reizungen oder einen gewöhnlichen Windelausschlag entstehen. Deshalb ist eine sorgfältige Einschätzung wichtig.
Fachlicher Hintergrund – Informationen für Fachpersonen
Aktuelle Einordnung der Mammillen-Candidose
Die Diagnose „Mamillensoor“ wird in der Stillberatung seit einigen Jahren kritisch diskutiert. Während früher davon ausgegangen wurde, dass Candida-Infektionen häufig Ursache brennender Brustwarzen- und Brustschmerzen sind, zeigen neuere Arbeiten ein differenzierteres Bild.
Douglas (2021) beschreibt, dass Candida spp. Teil der normalen Haut- und Milchmikrobiota sein können und ein alleiniger Candida-Nachweis keine ausreichende Erklärung für Schmerzen darstellt.
Auch Jiménez et al. (2017) fanden Hefen in Milchproben asymptomatischer Frauen.
Amir et al. (2013) zeigten zwar eine Assoziation zwischen Candida-Nachweis und Schmerzen, identifizierten jedoch gleichzeitig Nippeltraumata als unabhängigen Risikofaktor.
Therapeutische Konsequenzen
Aus heutiger Sicht wird zunehmend empfohlen:
keine pauschale Doppelbehandlung von Mutter und Kind
symptomorientierte Therapie
kritische Abgrenzung zu Ekzemen, bakteriellen Infektionen und vasospastischen Schmerzen
Die gleichzeitige Behandlung des Säuglings ist insbesondere bei klinisch sichtbarem oralem Soor indiziert.
Literatur (Auswahl)
Amir, L. H. et al. (2013). Candida albicans: Is it associated with nipple pain in lactating women? Breastfeeding Medicine, 8(3).
Douglas, P. (2021). Re-thinking mammary candidiasis. Women and Birth, 34(1).
Jiménez, E. et al. (2017). Mammary candidiasis: A medical condition without scientific evidence? PLoS ONE, 12(7).
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine medizinische Diagnose oder Therapie.




Ein super informativerer Artikel zum Thema Brustsoor.
Vielen Dank für diesen informativen und einfühlsamen Artikel! Die verständlichen Erklärungen und der ganzheitliche Blick aus IBCLC-Sicht sind unglaublich hilfreich für stillende Mütter. Man fühlt sich ernst genommen und gut begleitet. Wirklich sehr wertvoll – danke dafür! 💛🤱
Danke für den Artikel. Ich hatte genau nach diesem Problem gesucht gehabt. Freue mich auf weitere Artikel. Danke dir für dein Wissen